Fun-Punk - So what?

Overheat aus dem Zürcher Oberland spielen Punkrock. Trotzdem können sie sich dem Druck ihrer Vorbilder grösstenteils entziehen. Sie kämpfen gegen altbekannte Probleme von jungen Bands und gehen Schritt für Schritt die Herausforderung auf dem Weg zu ihrer Vision an. Das exklusive Interview und eine Video-Session bei StageDive.

von Janosch Tröhler, Nicola Tröhler und Lars Oertle

Um die Jahrtausendwende gab es kein Entrinnen. Eine riesige Welle Punkrock prallte von Nordamerika her auf europäisches Festland. The Offspring eroberten 1998 mit Americana die oberen Chartplätze und setzte zwei Jahre danach mit Conspiracy of One noch einen drauf. 1999 und 2001 erzielten blink-182 aus San Diego mit Enema of the State und Take off your Pants and Jacket ihre Erfolge im deutschsprachigen Raum. Ebenfalls 2001 trumpften die Kanadier Sum 41 mit dem Debüt All Killer No Filler gross auf. Die Popularität war so gross, dass diese Art von sehr spassigem Punkrock ein neues Genre namens Pop-Punk – böse Zungen sagen auch Fun-Punk – entstehen liess. Es sind Songs, die heute noch dank High-School-Komödien wie American Pie nachhallen. Im Fahrwasser der grossen Namen schwemmte es ganze Schwärme an mehr oder weniger hörbaren Bands mit an.
2004 nutzten Green Day die Gunst der Stunde und veröffentlichten das mit einem Grammy ausgezeichnete American Idiot. Ein Konzeptalbum, das sich mit seiner kritischen Stimme wieder mehr den Wurzeln des Punks näherte, jedoch den hübsch eingängigen Sound des Pop-Punk als Verpackung wählte.

Erste Schritte

Soviel zur Vergangenheit.

12. Januar 2013. Ich sitze bei Sänger und Gitarrist Jimmy Riot zuhause. Er wohnt in Hinwil, allgemein bekannt als Wohnort der SVP-Exponenten Ueli Maurer und Bruno Zuppiger sowie als Hauptsitz des Formel 1-Rennstalls Sauber. Zusammen mit Bassist Pacman und Lead Gitarrist Sam bildet er die Band Overheat. Alle drei sitzen nun auf Riots Bett, an den Wände Bandplakate und -Flaggen. Vier Gitarren stehen warten darauf, gespielt zu werden. Es gibt sie doch, die Erben der Pop-Punk-Ära. Die Musiker sind blutjung und motiviert.
Entstanden ist die Formation vor rund vier Jahren. So genau wissen sie es selber nicht mehr, denn der einzige verbliebene Kopf von damals ist Jimmy selbst. Als er mit einem Schulkollegen die Live-DVD Bullet In A Bible von Green Day schaute, kam ihnen die Idee zur eigenen Band.

Er fing an, Schlagzeug zu spielen. Ich war zuständig für die Gitarre und den Gesang. Nun ja, Gesang… ein wenig ins Mikrofon schreien.

Es folgte ein unübersichtlicher Wechsel der Musiker, wie es halt so üblich ist bei einer jungen Band, die sich in ihrer Formation erst noch finden muss. Doch irgendwann sind Pacman und Sam dazu gestossen und bis jetzt auch geblieben. Ihr Drummer war für längere Zeit abwesend, doch er zählt noch immer zum Gefüge.
Ohne den Mann hinter dem Schlagzeug waren Overheat gezwungen, eine längere Zeit auf Unplugged-Auftritte zu setzen. Normalerweise spielen sie den Punkrock ihrer Vorbilder, den von Green Day oder Sum 41. Die Unplugged-Phase zwang sie dazu, vermehrt Balladen einzubauen und dabei begannen sie, mit der Lead Gitarre von Sam verstärkt Melodien herauszulocken. So entstanden Songs im Stil von I will come back to say goodbye. Trotz dieser spannenden Entwicklung meint Jimmy mit vorfreudiger Stimme:

Wir freuen uns verdammt darauf, wieder plugged-in zu spielen und richtig abzugehen!

Gute-Laune-Punk

Die Ursprünge des Punks liegen bereits Jahrzehnte zurück. Ein Musikstil, der damals ungeschliffen und unverschämt daher kam. Ein Phosphorbrand an Kreativität, eine Äre voller politischen Unkorrektheiten, eine Zeit des Widerstands und Umbruchs.
Overheat beschloss aber, politische Themen komplett aussen vor zu lassen. Auch hier gehen sie die Pfade ihrer Vorbilder rund um das Millennium. Mal abgesehen von Green Day vielleicht. Es ist die Stimmung, die dieser Stil zu erzeugen vermag, und die Wucht, die der Punkrock auf der Bühne bekommt, was die Jungspunde wie magisch anzieht. Ihr Publikum soll eine gute Zeit mit ihnen verbringen können, die Sorgen einfach mal vergessen. Einige mögen das als oberflächlich betrachten, doch im Grunde ist es genauso ein Dienst an der Gesellschaft, wie alles Übrige auch. So what?
Und immerhin basteln Overheat noch handwerklich an ihrer Gute-Laune-Musik. Ein Grund mehr, wieso die Jungs Punkrock dem House oder Electro vorziehen.

Man nimmt ein Instrument zur Hand, haut über die Saiten und erzeugt ein Ton.

Druck und Probleme

Trotz aller Begeisterung wissen Overheat natürlich: Gitarrenmusik – insbesondere ihr Stil – ist heute nicht mehr so gefragt. Sie sind sich bewusst, dass sie gut sein müssen, um die Menschen zu erreichen und zu begeistern. Vielleicht wird der Punk eines Tages wieder aktuell. Angesichts der sozialen und politischen Spannungen ist dieses Szenario gar nicht so abwegig. Die Frage bleibt dann bloss, ob der politische oder der sorgenlose Stil präsent sein wird.
Die Band spürt den Druck, der ihnen von bekannten Punkrock-Hymnen wie What’s My Age Again oder Fat Lip auferlegt wird. Sie sind überzeugt, dass sie besser als das bereits Vorhandene sein müssen. Das macht sie in gewisser Weise zu Getriebenen, die versuchen Abwechslung in ihre Songs zu bringen, weg von den einfachen Songs mit drei Powerchords. Noch laufen sie keine Gefahr, an diesem Druck auszubrennen. Ihre Probleme sind jene, mit denen viele Bands in den ersten Jahren zu kämpfen haben.

Neben dem Bandraum, der wenigstens in absehbarer Zeit beziehbar sein wird, fehlen Overheat vor allem Auftrittsmöglichkeiten. Wenn man sucht, findet man zwar immer etwas. Doch meistens nicht in der näheren Umgebung. Das ist eine logistische Hürde. Sam stellt aber klar, dass sie nicht einfach faul sind:

Wir spielen immer gerne. Egal vor wie vielen Leuten. Trotzdem gibt es nicht so viele Möglichkeiten.

Einer der wenigen Clubs im Zürcher Oberland, die Rampe in Bubikon, schliesst die Tore. Dabei war die Location, wo regelmässig Vorausscheidungen des Band-it-Wettbewerbs stattfanden, hin und wieder ein Zentrum für junge Bands und Musiker.
Es müsse einfach mehr Veranstaltungen geben, die Bands wie Overheat suchen, meinen die Musiker. Heute brauche man meistens DJs. Und wieder zeigt sich der Druck: Punkrock ist eine einfach gestrickte Musikrichtung und ein Sammelbecken an Mittelmässigkeit. Oben auf zu schwimmen, das ist die grösste Herausforderung, die auf Overheat wartet. Müssen die jungen Musiker tatsächlich schon auf dem Level spielen, welches ihre Vorbilder nach jahrzehntelanger Erfahrung vorweisen? Ist das womöglich jugendlicher Übereifer und naives Denken? Wenigstens kann man Jimmy Riot, Pacman und Sam nicht vorwerfen, dass sie keine Vision, kein Ziel vor Augen hätten.

Aber eben: Die Musiker sind blutjung und motiviert. Und sie nehmen die Herausforderung Schritt für Schritt an. So werden sie erst wieder mit ihrem Schlagzeuger proben. Rund 30 Songs hat Riot bereits geschrieben. Irgendwann soll eine ungefähre Liste für ein Album daraus entstehen. Die Aufnahmen eilen nicht, denn sie sind kostenintensiv.
Für Riot ist eines klar. Am liebsten würde er den ganzen Tag Musik machen und so seine Brötchen verdienen.

Video-Session

Bereits im Dezember 2012 traf StageDive auf Overheat. Die Band spielte im Fabriksaal Rosenberg in Wila den Song  I will come back to say goodbye in der ersten Video-Session. Produktionsfotos finden sich auf Facebook.

Entweder oder mit Overheat

Lady Gaga oder Rihanna? - Sam

Bier oder Wein? - Pacman

Sum 41 oder blink-182? - Pacman

Pizza oder Burger? - Sam

Hallenstadion oder Pub? - Jimmy Riot

Stadt oder Land? - Jimmy Riot

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